Mittlere Kaiserzeit: Romanisierung und Abgrenzung
Im Süden der Provinz Noricum war die Romanisierung schon sehr früh weit fortgeschritten, so dass die Städte Virunum (Zollfeld), Teurnia (St. Peter in Holz), Aguntum (Dölsach bei Lienz), Celeia (Celje) und Iuvavum (Salzburg) das Stadtrecht als Munizipien erhalten konnten; Flavia Solva in der Steiermark bekam es unter den flavischen Kaisern in der 2. Hälfte des 1. Jhs. verliehen. Im Norden an der Donau wurden Stadtrechte erst durch Kaiser Hadrian (117–138) an Cetium (St. Pölten) und Ovilavis (Wels) vergeben. Als Ovilavis während der Regierung von Kaiser Caracalla (211-217) eine Rangerhöhung zu einer colonia erfuhr, erhielt vielleicht auch die Zivilsiedlung von Lauriacum (Enns-Lorch) das munizipale Stadtrecht. Diese Stadtrechtsverleihungen bedeuteten für die Bewohner damals eine entscheidende Verbesserung ihres Status in der römischen Verwaltung.
Unter Kaiser Domitian (81-96) kam es zu einer ersten Ausbauphase des Donaulimes, bei uns entstand das Kastell in Lentia (Linz), in Holz-Erde-Bauweise. Funde aus dieser Anfangszeit der Provinz, in der das Leben recht friedlich war und wo vor allem die südlich gelegenen Städte einen großen Wohlstand erreichten, gibt es auch in Oberösterreich, vor allem aus Wels, Linz, Hallstatt und auch einige Funde aus Enns. Sie zeigen, wie im späten 1. und im 2. Jh. n. Chr. in allen Belangen des öffentlichen und privaten Lebens, z.B. in Verwaltung, Religion, Schrift, Bauweise und Alltag römische Lebensformen Eingang gefunden hatten, wie sich aber doch auch spezifische Elemente in einheimischem Geschirr und vor allem in der Frauentracht, so wie in manchen religiösen Erscheinungsformen gehalten hatten und ein für die Provinz typische provinzialrömische Tracht und Kultur entstehen ließ.
In der Mitte des 2. Jhs. führten große nach Süden drängende Bevölkerungsbewegungen dazu, dass dem römischen Reich neue Auseinandersetzungen mit den Germanen drohten. Eine Gefahr, der Rom 166 n. Chr. mit Ausheben zweier Legionen (legio II Italica und legio III Italica) in Oberitalien begegnen wollte. Der erste Angriff der Markomannen und Quaden traf Rom aber trotzdem überraschend, sie konnten bis Oberitalien Opitergium (Oderzo) vordringen und Aquileia belagern. Daraufhin wurde ein eigenes Sonderkommando zum Schutz der Alpen gebildet, dem die zwei Legionen unterstanden.
Der römische Kaiser Mark Aurel (161–181) schlug die Germanen auf ihrem Rückmarsch an der Donau und führte dann von Carnuntum aus einen sehr offensiven Krieg gegen die Markomannen. In dieser Zeit wurden auch die zwei Legionen an die Grenze verlegt, die III. italische Legion nach Castra Regina (Regensburg) und die II. italische Legion zuerst nach Albing und dann nach Lauriacum. Sein Sohn Kaiser Commodus (180–192) setzte diese Offensive aber nicht fort, sondern schloss erneut Klientelverträge mit den Germanen. Entlang der Donau wurde eine fünf Meilen (= 7,5 km) breite Sicherheitszone eingerichtet. In dieser Zeit schenkt man auch ganz allgemein der Grenzverteidigung mehr Aufmerksamkeit und bei uns wurde die Lücke zwischen Passau und Linz durch Wachtürme und einem Kastell in Schlögen geschlossen.
Die folgenden Zeiten verliefen für Noricum wieder etwas friedlicher, was die Bedrohung durch äußere Feinde betraf, das Leben an der Donau hatte aber nun einen stärkeren militärischen Akzent bekommen. Die Soldaten konnten außerhalb ihrer Dienstzeit in den Lagerdörfern wohnen und gingen sehr oft Ehen mit einheimischen Frauen ein. Sie bewirtschafteten auch das Grenzgebiet. In jener Zeit entstand im Westen eine neue Gefahr. Alamannen und Juthungen sollten von nun an Raetien und später auch Noricum ständig bedrohen.
Text: Christine Schwanzar